Wenn der Nachbar böses plant …
Wir haben es vernommen: Trotz Tschernobyl, Fukushima, bestehendem Baustopp und dem Atomausstieg hierzulande – Polen will in die Atomkraft einsteigen. Die Grünen in Polen sind schwach und die Regierung bezuschusst eine Kampagne zur Aufklärung der Nutzung der Kernenergie mit vorerst rund einer Millionen Euro, wie die Zeit berichtete.

Da kann etwas Schützenhilfe der deutschen Grünen nicht schaden. Auf ihrer Online-Kampagnenplattform Meine Kampagne haben Bündniss 90/Die Grünen aus Brandenburg eine Einwendungsaktion gegen die ponischen Einstiegspläne in die Atomkraft gestartet. Noch bis zum 4. Januar 2012 können Bürgerinnen und Bürger aus den Nachbarländern nach EU-Recht ihre Eingaben an die zuständige Ministerin Hannah Trojanowska senden. Diese muss ihre Pläne einer sogenannten “strategischen Umweltprüfung” (SUP) unterziehen und die Stellungnahmen, auch die deutscher EU-Bürger, berücksichtigen.
Schade, dass auf der Internetseite bei den Grünen nicht erklärt wird wie die Stellungnahmen berücksichtigt werden müssen und warum es sinnvoll ist möglichst viele Einwände in Polen einzureichen. Gehen die Initiatorinnen und Initiatoren von einer Selbstverständlichkeit aus, oder wollen sie lieber nicht erwähnen, dass die Einwendungen “nur” politisches Druckmittel sind. Geht es möglicherweise auch darum die Wege für künftige Klageverfahren gegen die Pläne zu bahnen?
Die Plattform Meine Kampagne wird von den Grünen vor allem auch Nicht-Mitgliedern angeboten um politische Themen die “ihnen am Herzen liegen” zu unterstützen. Über andere Kampagnen-Plattformen haben wir bereits berichtet. Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit Meine Kampagne einmal auszuprobieren.
Wer es lieber ohne Registrierung mag, kann sich aber auch beim Umweltverband BUND eine Musterstellungnahme herunterladen oder diese einfach gleich online ausfülllen. Beim BUND plant man noch mehr. So soll die Bundesregierung dazu bewegt werden sich in der Sache deutlich zu postionieren. Die Stellungnahme gibt es auch beim Umweltinstitut München e.V. . Und wer seine Familie und Freunde gleich mit ins Boot holen möchte kann ebenfalls beim Umweltinstitut eine Unterschriftenliste herunter laden und für die Einwendungen sammeln gehen – vielleicht auf dem Weihnachtsmarkt?
Das wäre doch ein guter Grund für einen weiteren Besuch!
Gelegenheit für einen Blick auf die Szene.
Am 31. Juli hat Greenpeace das einjährige Bestehen der Kampagnen-Plattform GreenAction verkündet. Im Sommer 2009 ist GreenAction online gegangen. Unter dem Stichwort “campaigning 2.0″ hat der deutsche Greenpeace-Ableger mit dieser Kampagnen-Plattform einen wesentlichen Teil seiner Internet-Strategie umgesetzt.
In einem Gespräch mit CampaignOnline zieht Jan Haase, Community Manager bei Greenpeace eine positive Bilanz. Auch wenn man sich etwas schnelleres Wachstum und eine etwas höhere Nutzerzahl gewünscht hätte, über 7.100 Internet-Aktivisten haben fast 1.000 Kampagnen initiiert. Nur eine einzige Kampagne musste der Zensur zum Opfer fallen, weil sie die Kriterien der Macher nicht erfüllt hatte. Um die Anzahl der Aktivisten gegenüber den Kampagnen-Initiatoren zu erhöhen will Greenpeace die Eintrittsschwelle senken. So soll es demnächst nicht mehr nötig sein, sich für die Teilnahme an Kampagnen auf GreenAction zu registrieren. Nur wer eine Kampagne plant und initiiert muss sich auch weiterhin anmelden.
Auf GreenAction lassen sich öko-soziale Netzwerke knüpfen und gemeinsame Kampagnen und Aktionen zu Themen des Umweltschutzes gleichermaßen planen. Die Blogs auf GreenAction dokumentieren die Historie einer Kampagne und sollen, so die Idee, einen jederzeitigen Einstieg in eine laufende Kampagne oder ein Thema ermöglichen.
Vergleichbare Plattformen gibt es in Deutschland kaum. Lediglich auf der Plattform der Tageszeitung, bewegung.taz.de lassen sich ähnliche Projekte organisieren. Diese sind dann allerdings, anders als bei GreenAction nicht an Umweltthemen gebunden. Hier finden sich auch Aktivitäten zu alternativen Geldsystemen oder gegen Sozialabbau.
Die Idee der Internet-Plattformen für Bürgerliches Engagement ist nicht ganz neu. Angelehnt an die US-amerikanische Non-Profit-Organisation MoveOn.org entstanden weitere Plattformen für Aktivisten-Netzwerke wie beispielsweise in Australien GetUp-Action for Australia oder das mittlerweile sehr bekannte und auch in Deutschlad aktive Avaaz.org. Avaaz hatte jüngst einen großen Erfolg in Brasilien zu verzeichnen. Mit Unterstützung der größten Online-Kampagne Brasiliens konnte ein Gesetz gegen Korruption und Geldwäsche verabschiedet werden. Avaaz sammelte über 2 Millionen Unterschriften für eine Petition, begleitet von einer riesigen Zahl an Aktionen und Aufrufen. Ein Beispiel für die hohe Leistungsfähigkeit der Organisationen. Das deutsche Pedant zu Avaaz, MoveOn und GetUp ist campact.de. Auch bei campact finden sich Kampagnen-Themen aus verschiedenen Bereichen.
Während bei campact und seinen Vorbildern die Aktivisten-Community befragt wird, welche Kampagnen sie haben will und daraufhin die campact-Kampaigner entschieden welche Kampagnen auf der Plattform durchgeführt werden, kann bei GreenAction und der bewegung.taz im Prinzip jeder eine Kampagne starten. Also durchaus ein Werkzeug für kleinere Projekte vor Ort. Wir werden das gelegentlich testen und berichten,
einstweilen Gratulation an die Macher bei GreenAction.
Ingo Bokermann
Kreativität und Schnelligkeit sind gefragt, wenn es darum geht erfolgreiche Aktionen zu initiieren. Ein schönes Beispiel liefern gerade die Macher der Kampagnen- und Aktionsplattform Campact ab.
Nicht nur im Bundestag, wie wir im Focus-Online lesen konnten, ist eine Debatte über die “Käuflichkeit der Demokratie” entbrannt, seit bekannt werden der Millionespende an die FDP. Auch im Deutschlandfunk diskutierten in der Sendung Kontrovers heute Morgen Experten über die “Macht der Millionen”.
Campact geht inzwischen ganz pragmatisch vor und fordert seine Aktivisten auf: “Bieten Sie für den Atomausstieg!” Mit einer E-Mail an Guido Westerwelle und Horst Seehofer können Mitmacher die Adressaten auffordern am Atomausstieg festzuhalten. Dafür werden dann individuelle Spenden in Aussicht gestellt. Im vorformulierten Text sind 5 € vorgesehen. Immerhin schon über 27.000 versandte E-Mails wurden bis heute Abend auf der Website gezählt. Im Kampagnen Drehbuch stand diese Aktion bestimmt nicht. Es ist die Kunst der Kampaigner unvorhersehbare Ergeignisse zu nutzen und mit etwas Ironie – wie in diesem Fall – hat man die Sympathie sicher auf seiner Seite.
Die Aktion ist der Teil der Kampagne gegen den Austieg vom Ausstieg. Am vergangenen Donnerstag erst haben 200 Aktivisten von Campact vor dem Bundeskanzleramt dafür demonstriert.
Noch eine kleine Nachlese vom Sommer.
Im vergangenen Sommer hat sich einiges in Sachen Kampagnen-Plattformen getan. Neben greenaction.de von Greenpeace startete die NAJU mit wild-will-dich.de. Die NAJU ist die Naturschutzjugend des Naturschtuzbundes NABU. Junge Menschen sind wild hat man sich dort gesagt, was liegt also näher als dass sich junge Wilde für eine wilde Umgebung einsetzen. So lautet dann auch der Titel der Kampagne: “Wildes Land Deutschland”, kurz Wi.L.D.
Es geht natürlich weniger um das Leben der Jugendlichen, sondern um das der Fledermäuse und Bäume. Der Schutz und Erhalt von Kulturlandschaften, z.B. von alten Parkanlagen in der Nachbarschaft ist das Ziel der Kampagne. Jugendliche und junge Erwachsene sollen für diese Lebensräume sensibilisiert werden und sich für deren Schutz engagieren. Das Ganze in einem Wettstreit mit Gleichgesinnten.
Uns interessiert natürlich der der Onlineaspekt: Die Wilden finden und vernetzen sich auf der Platform wild-will-dich.de und tauschen ihr Wissen in einem Naturschutz-Wiki aus. Dort finden sie auch Anregungen für ihre Aktionen und ein Punktekatalog damit die TeilnehmerInnen den Wert ihrer Aktivitäten einschätzen können.
Im Gegensatz zu anderen Plattformen wie greenaction.de oder campact.de ist wild-will-dich.de nur für dieses eine Projekt gedacht. Der Fokus ermöglicht den InitiatorInnen zielgerichtet ihr Projekt zu bewerben, was auch schon eifrig getan wurde. So zum Beispiel online auf myspace.com/wildwilldich und offline auf dem Highfield-Festival am vorletzten August-Wochenende.
Durch die zeitliche Befristung und den Kampagnen-Abschluss im Juli 2010 mit einer Preisvergabe wird ein finaler Punkt gesetzt. So sollen Kampagnen sein. Start der Kampagne war übrigens zur diesjährigen European Bat Night am 29. August.